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Leseprobe – aus dem 2. Gecko-Kinderbuch - erster Teil "Gusto und der Familienzirkus"



Kapitel 2: Im Hafen



Probe_06


"Das ist ja mal ein Erlebnis. Mein Brüderchen ist sprachlos", neckt Gloria ihren Bruder. Der steht mit weit aufgerissenen Knopfaugen vor der riesigen Bordwand der Fähre und guckt nach oben.
"Wo hört denn das auf? Geht das bis zum Himmel?" *
"Nicht ganz, mein Sohn", schmunzelt der Vater, "aber jetzt sieh mal zur Gangway – das ist die Treppe, die vom Schiff herunterführt. Hoffentlich entdecken wir bald Tante Henrieta und Onkel Rudolfo mit ihren Kleinen. Wir müssen rechtzeitig wieder im Auto sein. - Da !", ruft er plötzlich und zeigt auf einen Seesack mit Rollen, der von einem jungen Mann gezogen wird. "Ich glaube, ich habe gerade Rudolfo gesehen. Ja! Da ist er. Seht ihr ihn? Mit der stahlblauen Fliege um den Hals."


Probe_07
* Hier sind wir!

Von dem Seesack rutschen nacheinander Onkel, Tante und die vier Kinder mit lässig verschränkten Vorderplattfüßen bis ans untere Ende. Dort angekommen stoßen sie sich kräftig ab und landen in elegantem Salto auf dem Boden. Sie stellen sich in einer Reihe auf und machen gleichzeitig eine tiefe Verbeugung. Alle tragen Fliegen in verschiedenen Farben. So kann man sie besser unterscheiden.
„Immer noch der alte Angeber“, zischt der Vater hinter vorgehaltenem Vorderplattfuß seiner Familie zu.
„Das habe ich gehört“, ruft Rudolfo verschmitzt seinem Schwager zu. „Nur kein Neid, mein Lieber. Wir sind eben immer noch aktiv im Zirkusleben. Du bist ja leider damals ausgestiegen. Dabei waren wir so eine super Truppe.“ Er stupst ihn vertraulich in die Seite. „Bin gespannt, was Du noch drauf hast.“ Er guckt zu Gusto und Gloria hin. „Caramba! Seid ihr aber groß geworden.“ Er schaut sich zu seinen Kindern um: „Kinder, das sind Gustavo und Gloria, die Kinder von Tante Glorieta und Onkel José.“ Er verbeugt sich übertrieben elegant vor Gusto und Gloria und zeigt mit einer weitläufigen Geste auf seine Kinder. „Und das sind Alfredo, Berta, César und unsere Jüngste, Dolores. Wir haben beim ältesten mit A angefangen. Fehlen nur noch E bis Z. Haha - kleiner Scherz.“
Nun begrüßen sich alle aufgeregt und lautstark. Alles kekkert durcheinander. Niemand achtet mehr auf Doña Maria, die inzwischen auch ihre Freundin umarmt hat. Gemächlich schlendern die beiden Frauen auf das Auto zu.
„Doña Maria fährt gleich los“, schallt plötzlich Gustos Stimme durch die Geckogesellschaft. „Sofort losrennen – alle!!!“, ruft er.
Nach einer endlos langen Schrecksekunde sausen sie wie die geölten Blitze los. Aber wohin? Die Verwandten kennen doch nicht das Auto von Doña Maria! In der allgemeinen Panik purzelt alles über- und untereinander.
„Wie sollen wir denn ins Auto kommen?“, ruft Gloria beim Laufen Gusto verzweifelt zu. „Ich habe keinen blassen ...“, schnauft er, doch dann hat er eine Idee. „Wozu haben wir denn Besuch von Zirkusartisten? Da müssen wir jetzt wohl die auf der Welt einmalige Teufelsstufen-Flugnummer der berühmt-berüchtigten „Hombres Diabólicos“ zum Besten geben.“
Entsetzt reißt Gloria ihr Mäulchen auf. „Bist Du von allen guten Geistern verlassen? So eine gefährliche Nummer kriegen wir doch nie hin!“ Von einer Sekunde zur anderen bricht sie in Tränen aus und schluchzt: „Dann werden wir hier alle unter die Räder kommen, huhuh.“
„Nun mach doch nicht so ein Geschrei. Die anderen sechs sind fit, wie wir gesehen haben. Und Papa trainiert auch heute noch fast jeden Tag heimlich. - Mama darf nur nichts davon wissen, sonst stirbt sie vor Angst, dass er wieder zum Zirkus will. – Und wir zwei sind schließlich seine Kinder. Das kriegen wir schon hin. Verlass dich drauf.“
Allmählich versiegen Glorias Tränen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Wie sollen sie sonst heim in Doña Marias Veranda kommen?


Gecko


Aus dem zweiten Teil „Gusto und der Tanz auf dem Vulkan“



Kapitel 6: Der verlorene Sohn


Nun aber Beeilung! Doña Maria und Doro haben sich schon wieder die Schnürsenkel festgezogen und wollen weiterwandern. Jetzt fehlen nur noch die Wanderstöcke und … die Rucksäcke.
In Nullkommanix verschwinden die Geckos wieder darin.
Huiii! Wieder geht´s aufwärts im halben Salto Mortale und Ruck-Zuck – sitzen die Geckos auf den Rücken der Frauen. Diesmal ist die Verteilung anders. In Doros Rucksack sind jetzt Gusto, Gloria, die Eltern und die ganze Freundesclique, in Doña Marias Rucksack sind die lieben Verwandten. Es kann also weitergehen.
Doch was ist das? Aufgeregt gestikulieren Tante Henrieta, und Onkel Rudolfo zu Doros Rucksack hinüber. Was wollen sie?
Was wollen sie sagen? Rufen dürfen sie nicht, sonst würden die Frauen sie entdecken.


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Gusto und Gloria unterhalten sich manchmal ohne Worte in einer Geheimsprache mit den Vorderplattfüßen. Jetzt schalten sich Berta und Alfredo ein, und ohne Zweifel kennen sie dieselbe Geheimsprache. Denn nach ein paar Sekunden wird Gusto klar, was sie sagen wollen. Es ist ein Name. Der Name „César“.
Doch was ist mit César? Ist er krank? Geht es ihm nicht gut? Oder ist er etwa …?
„Oh nein“, stöhnt Glorieta leise. Er ist gar nicht mit an Bord von Doña Marias Rucksack gegangen!
Doch wo ist er?
Das ist ein Fall für Fredys schnelle Hilfstruppe. Wie der Wind schwärmen alle aus, die Flügel haben, und suchen den Lavaboden um die Picknickstelle herum ab. Nichts!
Zu dumm, dass die Lava und Geckos eine ganz ähnliche Farbe haben. Dadurch findet man einen kleinen Gecko sehr schlecht. Vor allem, wenn er sich vor Angst nicht mehr rührt. Dann vermischt er sich völlig mit der Umgebung.
Doña Maria und ihre Freundin merken von all dem nichts, weil sie ganz vertieft ins Gespräch sind. Beim Abstieg brauchen sie nicht mehr die ganze Luft nur zum Atmen. Und es geht auch schneller. Der Abstand zum Picknickplatz wird immer größer, und von César keine Spur.
Jetzt tauchen auch schon die ersten Kiefern auf. Bald sind sie wieder im Wald. Gusto ist wild entschlossen, abzuspringen und zu César zu eilen. Den blöden Streit mit ihm hat er längst vergessen.
Jetzt geht es nur noch darum, ihn wieder zu finden.
Gusto steht auf dem Rand des Rucksacks – zum Absprung bereit.
Das Taschentuch von Doro, das ihm als Scheich-Verkleidung gedient hatte, will er nun als Fallschirm benutzen. „Das ist doch viel zu gefährlich! * Ich erlaube das nicht!“ Verzweifelt redet die Mutter auf ihn ein.


Probe_09

„Mama, was würdest du denn tun, wenn ich an Césars Stelle wäre?“
Glorieta kann nur noch wortlos schlucken, versucht aber trotzdem, ihn am Sprung zu hindern. Gusto reißt sich los von ihr und …
Da kommt aus der Ferne ein sehr komisches Gebilde in großer Geschwindigkeit auf ihn zugeflogen.


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Es ist der kleine César mit Fredy und Walter auf beiden Seiten, oben fliegt Giselle und unten Brummel. Ihr Kleid hängt in Fetzen an einem ihrer Schuhabsätze und der Hut – der ist wohl davon geflogen.
Dahin ist alle Eleganz.
Die Geckos in den Rucksäcken müssen sich schwer beherrschen, um nicht laut loszuprusten vor Lachen. Das ist ein Bild für Götter, diese Flugformation. Onkel Rudolfo, der sehr erleichtert über die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist, kommt gleich eine neue Geschäftsidee: Diese komische Nummer wäre etwas für den Zirkus! Das Publikum würde toben. Und Brummels Kleid dürfte natürlich auf gar keinen Fall fehlen!


Gecko


Gecko
 

© Ingrid Trölsch 2008